Wie das alte Ägypten entstand

 

Wie sah Ägypten vor 20 000 Jahren aus?

Klick für ein größeres Bild!Der Nil, wie er soeben beschrieben wurde und wie ihn schon die alten Ägypter vor vielen tausend Jahren kannten - so war er nicht immer. Vor 20 000 Jahren, etwa in der Mitte der letzten Eiszeit, sahen er und Ägypten völlig anders aus. Damals, als weite Teile Nord- und Mitteleuropas von gewaltigen Eiskappen bedeckt waren, war die Sahara eine blühende Landschaft, belebt von zahlreichen Nomadenstämmen und vielen Tieren. Dort, ebenso wie in der arabischen Wüste, wuchsen damals Pflanzen der Savanne, um Nahrung brauchten sich Mensch und Tier nicht zu sorgen. In den Senken, den späteren Oasen, bildeten sich, große Seen.

Vor 10000 Jahren ging die Eiszeit zu Ende, die Warmzeit, in der wir heute noch leben, brach an.  Überall auf der nördlichen Erdhälfte wurde es wärmer, die Eiskappen in Europa zogen sich nach Norden zurück.  Auch in Nordafrika stiegen die Temperaturen. Es trocknete aus, an die Stelle der einst blühenden Landschaften trat die lebensfeindliche Wüste.

 

Von wo kamen die ersten Einwanderer? 

Die zunehmende Dürre zwang die nomadischen Fischer und Jäger, dem zurückweichenden Wasser zu folgen. So löste die Natur mit der Klimaveränderung eine kleine Völkerwanderung aus: Die Bewohner der trockengefallenen afrikanischen Gebiete folgten dem zurückweichenden Wasser nach Osten, und die Bewohner der arabischen Halbinsel wanderten nach Westen.  Beide verlegten ihre Streifzüge in das Niltal, das als einziges Flusstal noch Wasser führte.  Es dehnte sich als ein von Schilfsümpfen durchzogenes Tal mit vielen großen Tümpeln aus, die bei der alljährlichen Überschwemmung des Nils nach dem Rückzug des Wassers zurückblieben.

Die Einwanderer aus West und Ost vermischten sich im Lauf mehrerer Jahrtausende zur ägyptischen Urbevölkerung, die in ihrem Aussehen etwa den heutigen Bewohnern des Nordsudan glich,: Sie waren mittelgroß, hatten längliche Gesichter, braune Haut und schwarzes, weniges Haar.


Der Nil - mit 6667 km ist er der längste Fluss der Erde

Diese ersten Ägypter waren noch Steinzeitmenschen. Alle Werkzeuge, die sie für die Jagd - und nur dafür kannten sie Werkzeuge - brauchten, stellten sie aus roh behauenen Steinen her. An den Wassern des Niltales fanden sie alles, was sie zum Leben brauchten: Denn auch die Tiere waren dem zurückgehenden Wasser gefolgt, in und am Nil gab es Fische, Wasservögel, Nashörner und Krokodile, Löwen, Esel, Schafe, Ziegen und Antilopen, auf den Feldern wuchsen wilder Weizen und Gerste so wie andere Früchte. So gab es für die ersten Ägypter keinen Grund, ihre Lebensweise zu ändern: Sie blieben Nomaden.

 

 Welche Haustiere kannte man im alten Ägypten?

Sie blieben es bis etwa 4500 v. Chr. Einige Jahrhunderte vor dieser Zeit hatte sich eine neue Welle von Einwanderern über das fruchtbare Niltal ergossen: Menschen aus dem Gebiet des heutigen Syrien und Palästina, die in kleinen Gruppen ins Nildelta und ins Niltal einsickerten. Sie brachten eine neue Lebensform mit - sie waren Ackerbauern.  Sie säten und ernteten, was sie zum Leben brauchten. Sie verstanden, wilde Schafe, Ziegen und Rinder zu zähmen, sie brachten Hunde mit, die ihnen bei der Jagd halfen, und benutzten Esel als Tragtiere.

Aber auch diese Einwanderer waren noch nicht sesshaft. Sie legten die Saat in den von der letzten Oberschwemmung durchfeuchteten Boden und siedelten sich in der Nachbarschaft an, bis das Korn reif war und geerntet werden konnte. Dann zogen sie weiter.
Schon die ersten ägyptischen Bauern waren vom Nil und von seiner Schwemme abhängig. Der Nil hatte damals wie heute im Mai und Juni den niedrigsten Wasserstand, der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser betrug im unteren Lauf des Stromes durchschnittlich fünf Meter.  Dabei gab es jedoch naturbedingte Schwankungen, die jedes Mal über das Wohl und Wehe, also über die Ernte entschieden.  Blieb der Pegel nur einen Meter unter Normal, so bedeutete das Dürre und Hungersnot.  Ein Meter über Normal dagegen konnte die Siedlungen verwüsten. So beteten die Ägypter stets für das richtige Maß.

 

 Warum wurden die Ägypter sesshaft?

 Um 3500 v. Chr. änderte die Bevölkerung des Niltals ihre Lebensweise grundlegend: Sie wurde sesshaft. Und das kam so: Einige Nomadenbauern merkten, dass sie ihre Ernteerträge ganz wesentlich steigern konnten, wenn sie ihre Ackerfläche vergrößerten.  Fruchtbar waren aber nur die Felder, die vom Nil bewässert wurden. Also begannen sie, das vom Nil überflutete Gebiet durch kleine Kanäle, Stauseen und Hebewerke künstlich zu vergrößern.  Diese schwierige und langwierige Arbeit lohnte sich aber nur, wenn man nach der Ernte nicht weiterzog, sondern am Ort blieb, um den Vorteil der künstlichen Bewässerung auch in den folgenden Jahren zu genießen.  Also bauten die Bauern feste Häuser aus luftgetrockneten Ziegeln.  Die Nomaden waren sesshaft geworden.
(Bild: Kult- und Schminkgefäße - um 2950 v. Chr.)

Das ganze hatte aber noch eine weitere, zunächst sicher unerwartete Konsequenz: Um die Ernten weiter zu steigern, baute man immer größere Bewässerungsanlagen. Schließlich wurden die Arbeiten so umfangreich, dass sie nicht mehr von einer einzigen Familie bewältigt werden konnten.  Man bat also möglichst viele Nachbarn um Hilfe, die nun mitbauten und dafür ebenfalls mit besseren Ernten rechnen konnten.  So schlossen sich allmählich mehr und mehr Familien zu Bau- und Erntegemeinschaften zusammen, aus denen schließlich die ersten Dörfer entstanden.  Die ältesten sesshaften Bauernansiedlungen lagen im Norden des Landes, lassen sich aber auch im Süden durch Funde von kleineren Friedhöfen nachweisen, die die Archäologen vor einigen Jahrzehnten entdeckten.  Dort sind allerdings die dazu gehörenden Dörfer nicht mehr festzustellen; seit jener Zeit haben sich im Niltal mehr als drei Meter Schlamm abgelagert, und neue Dörfer wurden oft auf den Trümmern alter, verfallener Dörfer gebaut.

 

 Wie entstanden im Niltal die ersten Dörfer?

 Die Zusammenarbeit machte Schule. Bald war das ganze Niltal von kleineren und größeren Dörfern und Gemeinden besiedelt, in denen vor allem Getreide - Emmer und Gerste für Brot und Bier - angebaut wurde.  Das Mittagsmahl der alten Ägypter bestand vor allem aus Hülsenfrüchten wie Linsen und Erbsen, Gemüse wie Lattich, Zwiebeln und Knoblauch sowie Früchten, besonders Datteln und Feigen.

Für die Tiere, die wegen ihres Felles, ihrer Milch und ihres Fleisches gehalten wurden, baute man Futterpflanzen an; Fleisch zu essen war aber ein Luxus, den sich nur Großgrundbesitzer leisten konnten. Am begehrtesten war das Rindfleisch, aber auch das Fleisch von Ziegen, Antilopen und Schafen wurde geschätzt; ebenso aß man Enten, Gänse und Tauben, Hühner lernten die Ägypter erst wesentlich später kennen.  Schweinefleisch galt als unrein und wurde nur von den Ärmsten gegessen.  Die Weine, die vor allem im Delta und in den Oasen angebaut wurden, waren teuer und nur den Reichen vorbehalten, das Volk trank Bier.  Gesüßt wurde vor allem mit Honig; die Imkerei war schon damals von Bedeutung.  Auf den Feldern wuchs neben Getreide viel Flachs, aus dem man die gesamte Kleidung sowie Segel und Seile machte.

Die Dattelpalme war ein Mehrzweckbaum: Datteln waren die wichtigsten Früchte, aus denen auch Wein und, gemischt mit Brot und Wasser, eine Art Bier hergestellt wurde; aus dem Holz der Palme wurden Fasern gewonnen, die sich, weiterverarbeiten ließen, aus den Palmrispen machte man Körbe.

Szenen von der Jagd (Nach einem Wandgemälde in einem Grab der 12. Dynastie) 

 

Woraus bestanden die ersten Tempel?

Nach Osten und Westen durch, zwei riesige Wüstengebiete von seinen Nachbarn isoliert, nach Süden und Norden hin von unwirtlichen Gebirgen bzw. vom Mittelmeer eingeschlossen, hatte das damalige Ägypten zunächst fast keine Verbindung zu anderen Völkern. Um so enger schlossen sich deshalb die Dörfer und Siedlungen zu größeren Gemeinschaften zusammen. Im Zentrum jeder Gemeinschaft stand ein Tempel, in dem dem Gott der jeweiligen Region geopfert wurde.  Fast alle Götter hatten Tiergestalt. Die Tempel waren noch keine großen Bauten, sondern meist nur Hütten aus Papyrus-Flechtwerk. Jede Gemeinschaft wurde von einem Häuptling angeführt.  Um 3200 begannen einige Häuptlinge, die benachbarten Gemeinschaften zu unterwerfen. 

So entstanden allmählich zwei Reiche unter je einem König: Oberägypten im Niltal und Unterägypten im Nildelta. Jeder König hatte seine eigene Regierung, seinen eigenen großen und prächtigen Königshof. Der König von Oberägypten trug eine weiße Krone; sein Wappentier, das ihn beschützen sollte, war der Geier. Die unterägyptische Krone war rot und mit dem Kopf des Wappentieres Kobra geschmückt.

 

Der Tempel des Amun-Re in Luxor

 

Warum war Oberägypten stärker als Unterägypten?

Die Bevölkerung von Unterägypten war durchweg sesshaft geworden, viele Oberägypter dagegen waren Nomaden geblieben. Sie begnügten sich weiterhin mit einer verhältnismäßig geringen Ernte und zogen mit großen Rinder‑ und Schafherden über die Steppe am Rand des Niltals. Während also die Nordägypter, durch die Meeresküste, durch Sümpfe und Flussarme weitgehend vor feindlichen Oberfällen geschützt und vom Klima mit gutem Wetter und reichen Ernten gesegnet, sich zu reichen und verwöhnten Deltabauern entwickelten, mussten die Oberägypter immer noch mit der Härte des nomadischen Daseins kämpfen. Diese Lebensform erforderte mehr Mut und mehr Einsatzbereitschaft und gab ihnen schließlich das Gefühl, den nördlichen Deltabauern überlegen zu sein.

So gewann der Süden immer mehr Obergewicht über den Norden und unterwarf ihn schließlich. Im Jahre 2920 v. Chr. marschierte Menes, ein Häuptling aus Oberägypten, in das Nildelta ein und übernahm die Führung des ganzen ägyptischen Reiches. Er erklärte sich zum König von Ober‑ und Unterägypten. Ägypten war damit die erste geeinte Nation der Welt. Dieses von einem König geführte Gesamtreich, bestand ohne Unterbrechung über schwere und glanzvolle Zeiten hinweg fast 3000 Jahre hindurch, ‑ länger als irgendein anderes Reich der Geschichte.


Schminktafel des Königs Narmer (um 3400 v. Chr.)

Das Alte Reich

 

Wie teilen Historiker die Geschichte Ägyptens ein?

Historiker teilen die Geschichte des Nil-Staates in zwei große Abschnitte: die vorgeschichtliche und die geschichtliche Zeit. Die vorgeschichtliche Zeit liegt für uns weitgehend im Dunkel. Die Kenntnisse aus jener Epoche beruhen vor allem auf archäologischen Funden und Oberlieferungen aus wesentlich späterer Zeit, die allerdings nicht immer zuverlässig sind.

Auch die geschichtliche Zeit lässt sich aus Grabungen und anderen Funden rekonstruieren. Ihre Hauptstützen sind aber schriftliche Unterlagen und Berichte, die seit der Erfindung der Schrift im 3. Jahrtausend angefertigt wurden und den Ablauf der Ereignisse dokumentieren. Die klassische Quelle zur Erforschung der ägyptischen Geschichte sind altägyptische Königslisten aus Tempeln und auf Papyrus sowie die Schriften des Hohenpriesters von Heliopolis, Manetho. Er stellte um 280 v. Chr., wohl im Auftrag des Königs Ptolemaios 11., eine Liste aller Pharaonen auf, soweit sie aus den damaligen Archiven ersichtlich waren.

Diese Liste ist heute nur noch in Bruchstücken erhalten, wurde aber des Öfteren von zeitgenössischen und späteren Geschichtsschreibern zitiert, so dass ihr Inhalt in wesentlichen Teilen erhalten geblieben ist. Manetho schrieb seine Listen in griechischer Sprache und nannte die Könige mit ihren griechischen Namen, also Cheops (siehe Bild) statt Chufu, Mykerinos statt Menkaure und Amenophis statt Amenhotep. Diese Benennungen haben die modernen Geschichtswissenschaftler beibehalten. 

Als ersten König der 1. Dynastie nennt Manetho den bereits erwähnten Menes, der auf ägyptisch Aha hieß. Um 2920 v. Chr. stieß er von Oberägypten aus, wo er Herrscher des 8. oberägyptischen Gaues war, mit seinen Truppen nach Norden vor, eroberte viele Städte und zog bis in das Delta. Damit war Unterägypten besiegt, die Adligen und Offiziere, die Widerstand leisteten, wurden enthauptet. Als Herr von Gesamtägypten durfte Menes die weiße Krone Oberägyptens und die: rote Krone Unterägyptens tragen; beide Kronen vereinte er, als Sinnbild seiner Macht über das ganze Land, zu dem Pschent, einer neuen Krone, bei der die hohe weiße in die kürzere rote hineingeschoben wurde. Der oberägyptische Geier und die unterägyptische Kobra wurden die Wappentiere des geeinigten Reichs.

Das alte Ägypten in Zahlen


Die Stufenpyramide des Königs Djoser um 2600 v. Chr.

Der griechische Geschichtsschreiber Manetho teilte die ägyptische Geschichte von der Zeit des Königs Menes bis zur Wiedereroberung Ägyptens durch den Perser Artaxerxes 111. im Jahre 343 v. Chr. in 30 Dynastien ein. Eine Dynastie ist der Zeitraum, in dem Mitglieder derselben Familie den Thron innehaben.
Die moderne Ägyptologie hat diese Einteilung beibehalten, fasst aber darüber hinaus mehrere Dynastien zu größeren Perioden zusammen.

Frühzeit:

Altes Reich  

1. Zwischenzeit 

Mittleres Reich 

2. Zwischenzeit    

Neues Reich

3. Zwischenzeit 

Spätzeit 

Griechisch‑römische Zeit 

1. und 2. Dynastie

3. bis 8. Dynastie

9. und 10. Dynastie

11. bis 14. Dynastie

15. bis 17. Dynastie

18. bis 20. Dynastie

21. bis 24. Dynastie

25. bis 31. Dynastie

2920 ‑ 2649

2134 ‑ 2040

2649 ‑ 2134

2040‑1640

1640‑1550

1550‑1070

1070‑712

712‑332

332 v. Chr. - 395 n. Chr.

 

Wer schuf den ersten Staat der Welt

Menes ist die erste bekannte Persönlichkeit der Weltgeschichte. Man weiß, dass er fortan keine Eroberungen mehr suchte, dafür aber die ehemals getrennten Königreiche zusammenschweißte.

Er schützte sein Land gegen die Beduinen auf dem Sinaí gegen die Nubier aus dem Süden und gegen vorstoßende Libyer im Westen. So schuf er den ersten, von einem zentralen Mittelpunkt aus geleiteten und regierten Staat der Welt.

Die Vereinigung der beiden Reichsteile besiegelte er durch die Gründung einer neuen Hauptstadt. Unweit der Südspitze des Deltas, wo Ober- und Unterägypten zusammenstoßen, etwas südlich vom heutigen Kairo, schuf er Raum für die neue Hauptstadt. Er nannte sie lnebn-hed (altägypt. = weiße Mauer) - ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie zugleich auch Festung war. Später erhielt sie den Namen Memphis, das heißt: "Es bleibt die Vollkommenheit des Königs."

 In seiner neuen Residenz schuf Menes eine zentrale Verwaltung, die Jahrtausende hindurch einzigartig und vorbildlich. war. Die zu Gemeinschaften zusammengeschlossenen Dörfer und Siedlungen fasste er zu Gauen zusammen. Es gab in ganz Ägypten 42, 22 im südlichen Oberägypten und 20 im nördlichen Unterägypten. In jeden Gau entsandte er einen Gaufürsten, der für die Verwaltung seiner Region und vor allem für das Eintreiben der Steuern verantwortlich war. Die Dörfer und Städte wurden jeweils von einem Schulzen, einer frühen Art Bürgermeister, verwaltet. Die Beamten, die diese Posten innehatten, wurden für ihre Tätigkeit lange und gründlich ausgebildet. Gelegentlich, meist ganz überraschend, reiste Menes auch in die entferntesten Gebiete seines Reiches, um zu kontrollieren, wie seine Beamten ihre Pflichten ausübten und welche Klagen die Untertanen gegen sie erhoben.

 

Was sind Hieroglyphen?

Kurz zuvor hatten die Ägypter eine der größten Leistungen der Geistesgeschichte vollbracht: Sie erfanden die Hieroglyphenschrift. Die Idee, Ereignisse oder Namen schriftlich festzuhalten, war aus dem Nachbarland Mesopotamien gekommen. Aber die Ägypter übernahmen nicht die mesopotamische Silbenschrift, sondern schufen eigene Zeichen. Hieroglyphen (griechisch - heilige Kerbe) sind eine Bilderschrift, deren Zeichen außer den dargestellten Gegenständen auch völlig andere Bedeutung haben können. Den Namen des Königs Narmer, eines Vorgängers des Menes, schrieb man zum Beispiel so: Man zeichnete den Wels, der auf ägyptisch "nar" heißt, über einen Meißel, ägyptisch "mer". Man las also Nar - mer. Hieroglyphen wurden nur auf steinernen Denkmälern verwendet, mussten also eingemeißelt werden. Für das Schreiben auf Papyrus erfanden die Ägypter später die hieratische Schrift. Das war eine Schreibschrift, die zwar nicht mehr so bildhaft war, dafür aber schneller ging. Hieratische Zeichen wurden meist miteinander verbunden. Man schrieb sie mit einer Rohrfeder auf Papyrusrollen, die rote oder schwarze Tinte stellte der Schreiber selber her.

Die Erfindung der hieratischen Schrift (siehe Bild) war für das alte Ägypten von großer Bedeutung; ohne sie hätte der ausgedehnte Beamtenapparat wohl kaum so gut funktionieren können. Wie zum Beispiel hätten sich der Dorfschulze oder der Gaufürst merken können, wie viel Gerste und Rinder ein reicher Gutsbesitzer als Steuern - diese wurden in Naturalien erhoben, Geld gab es noch nicht bezahlt hat, wenn sie die Summe der Abgaben nicht hätten aufschreiben können?

Die Erfindung der Schrift bewirkte aber noch etwas anderes: Schon vorher hatten ägyptische Astronomen gemerkt, dass die Oberschwemmung des Nils fast immer genau an jenem Tag begann, an dem der Sirius zum ersten Mal wieder am nächtlichen Horizont auftauchte.  Sie zählten die Tage von Oberschwemmung zu Oberschwemmung und stellten so fest, dass ein Jahr aus ziemlich genau 365 Tagen besteht.  Nun konnten sie auch die einzelnen Jahre und ihre wichtigsten Ereignisse schriftlich für die Nachwelt festhalten - der Kalender war erfunden.

 

Welche Aufgaben hatte der Wesir?

Im Verlauf nur eines Jahrhunderts entwickelte sich das vereinigte Ägypten zu einem blühenden Land. Der Reichtum nahm während der3. Dynastie zu, die Bevölkerung wuchs.  Unter König Snofru (2575-2551), dem ersten Herrscher der 4. Dynastie, war das Staatswesen bereits so umfangreich, waren die Aufgaben der Verwaltung so groß geworden, dass der König sich nicht mehr um alles allein kümmern konnte.  Er ernannte einen Wesir als seinen bevollmächtigten Stellvertreter.  Dieser höchste Beamte war Kanzler, Kriegs- und Kulturminister und oberster Richter. Bei seinem Amtsantritt wurde er von dem Pharao zu höchster Gerechtigkeit ermahnt, auf seinen Dienstreisen durch das Land musste er Streitigkeiten schlichten, Beschwerden entgegennehmen und untersuchen sowie die Steuern festlegen.

Der Pharao entrückte damit immer mehr dem irdischen Leben - schon König Menes, der Einiger des Reiches, war seinen Untertanen als göttliche Verkörperung erschienen.  Die ihm zugeordnete Gottheit, der Falkengott Horus (siehe Bild), wohnte - so glaubte man - in dem König wie in einem Kultbild. Nach dem Tod des Herrschers ging die Gottheit auf seinen Nachfolger über.

  

Welche Kleidung trug der König?

Schon die Kleidung des Königs wies ihn als gottähnlich aus: In der Öffentlichkeit trug er zu seiner Krone ein rechteckiges Tuch, das die Stirn bedeckte und in zwei Streifen auf die Schulter herabfiel. Über der Stirn bäumte sich der Kopf einer Kobra, die mit ihrem Feueratem jeden Widersacher abwehrte.  Der König war nie barhäuptig, Aus Respekt vor dem König und dem selbst im Palast trug er immer eine ihm innewohnende Kopfbedeckung. Das Haar war kurz geschnitten, Wangen und Kinn glatt rasiert.  Zu festlichen Anlässen trug er einen künstlichen Kinnbart, der mit zwei Bändern an der Kopfbedeckung befestigt war.
Ein Schurz, der die Lenden bedeckte, wurde mit einem breiten Gürtel gehalten, an dessen hinterem Ende ein Tierschwanz hing.

Auf seinen Reisen ließ er sich von zwölf Soldaten in einer Sänfte tragen, umgeben von Wedelträgern. Er war barfuß; ein Diener trug ihm die vergoldeten Sandalen hinterher.

 

Warum nannte man den König "Pharao"?

Über die Verwaltung des Reiches hinaus war der König auch für jeden einzelnen von besonderer persönlicher Wichtigkeit:
Er war der Vertreter seines Volkes den Göttern gegenüber, er musste ihnen die Wünsche und Hoffnungen seiner Untertanen mitteilen, ebenso aber musste er auch den göttlichen Willen den Irdischen vermitteln.

Verständlich, dass jedes Wort und jede Geste dieses Gottkönigs von besonderer Bedeutung war: Es brachte zum Beispiel Unglück, den König zu berühren oder in seinem Schatten zu stehen mit der einen Ausnahme, dass es großes Glück bedeutete, wenn der Herrscher jemandem erlaubte, seine nackten Füße zu küssen.

Eigentlich heißt das Wort "Pharao": großes Haus. Der König war im alten Ägypten der mächtigste Mensch. Ihm gehörte das Land, er war oberster Priester, oberster Richter, oberster Feldherr.

Christiane Müller und Peter Otto (nach dem Buch "Das alte Ägypten" von Hans Reichardt - Tessloff-Verlag)
 

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